Wofür ist die Verschlusszeit gut?

Die Verschlusszeit – Belichtungszeit steuert natürlich in erster Linie die Dauer des geöffneten Verschlusses und damit den Lichteinfall auf den Sensor.

Ist es da nicht egal, wie lange diese „Öffnungszeit“ dauert? Warum gibt es da überhaupt so eine lange Reihe von einstellbaren Verschlusszeiten?

Ganz einfach ausgedrückt hat es in der Hauptsache mit Verwacklung und Bewegung zu tun.

Gehen wir mal die einzelnen Anwendungsgebiete durch:

Freihand fotografieren
Im allgemeinen nehmen wir die Kamera zur Hand und machen ein Foto. Dabei überlassen wir meistens der Programmautomatik, oder der Zeitautomatik mit Blendenvorwahl die Belichtung und somit auch die Wahl der Verschlusszeit. In den meisten Fällen ist dagegen auch nichts einzuwenden – bis auf wenige Ausnahmen:
Hmm, warum ist diese Aufnahme denn verwackelt/unscharf? Ja was ist denn da passiert?
Tja – hier war wohl die Verschlusszeit zu lang! Aber wann spricht man von einer zu langen Verschlusszeit? Ganz einfach – wenn wir nicht mehr in der Lage sind die Kamera während des geöffneten Verschlusses ruhig zu halten. Es ist dann kein Freihand fotografieren mehr möglich, sei denn wir würden die Verschlusszeit verkürzen.

Grundsätzlich muss aber jeder für sich herausfinden, wo seine Grenzen für die Freihandaufnahmen liegen. Jeder hat ein anderes „ruhiges Händchen“ und der eine kann bei 1/15 Sekunden noch gute Ergebnisse erzielen, für den anderen ist schon bei 1/60 Sekunden Schluß. Ebenso spielen die heutigen Hilfsmittel, wie Bildstabilisierung in der Kamera, oder dem Objektiv eine Rolle.

Ein weiteres wichtiges Kriterium bei der Festlegung der längsten Verschlußzeit aus freier Hand ist die verwendete Brennweite. Hierbei gilt die Regel: Brennweite = Verschlußzeit
Diese Regel bezieht sich auf das Kleinbildformat (Vollformat) und nimmt die Brennweite in mm im Kehrwert als Verschlusszeit. Also zum Beispiel: 300mm = 1/300 (1/320 sec.) – 200mm = 1/200 (1/250 sec.) – 50mm = 1/50 (1/60 sec.) usw.
Wie aber schon geschrieben, bezieht sich die Regel auf Kleinbild und muss für die DSLRs mit APS-C Sensor (Crop-Sensor) angepaßt werden. Da es sich hierbei um einen Ausschnitt mit Faktor 1,5 (1,6) zum Kleinbild handelt, müssen die ermittelten Zeiten ebenfalls mit 1,5 multipliziert werden. Also jeweils um einen 1/2 Zeitwert verkürzt werden – aus 1/320 wird 1/500 sec. – aus 1/250 wird 1/320 sec. – aus 1/60 wird 1/90 sec. usw.
Aber auch hier gilt „keine Regel ohne Ausnahme“. Es sind eben nur Anhaltspunkte und jeder muss für sich heraus finden, wie weit er/sie gehen kann.

Zusammenfassung: Für`s Freihand fotografieren werden je nach verwendeter Brennweite eher die kürzeren Verschlusszeiten benötigt.

Bewegung einfrieren
Auch wenn man Bewegungen einfrieren möchte, werden kurze Verschlusszeiten benötigt. In der Sportfotografie wird diese Methode wohl am häufigsten eingesetzt, um einen Ablauf im Detail festzuhalten. Gerne wird in diesem Zusammenhang aber auch mit Wasser gespielt. Um bei fließendem Wasser einzelne Tropfen einzufangen, werden schon sehr kurze Verschlusszeiten benötigt.

Wasservorhang

Zusammenfassung: Um einzelne Bewegungen im Foto festzuhalten, werden sehr kurze Verschlusszeiten ab ca. 1/500 sec. und kürzer benötigt.

Bewegungsunschärfe
Im Gegensatz zum einfrieren von Bewegungen steht die Bewegungsunschärfe. Hier werden längere Belichtungszeiten bei denen sich Objekte durchs Bild bewegen benötigt. Damit diese bewegten Objekte eine Spur (Bewegungsunschärfe) hinterlassen, kommt es natürlich in erster Linie auf deren Geschwindigkeit an. Als ganz groben Anhaltswert kann man ungefähr die Geschwindigkeit in km/h als 1/xstel bei der Verschlusszeit nehmen.

Also bei einem Auto in der Stadt wären dass dann zwischen 30 km/h und 50 km/h, somit kann man es mit Verschlusszeiten zwischen 1/30 sec und 1/60 sec versuchen.

Im Beispielbild habe ich 1/30 sec verwendet:
Gefährliches Spiel.

Bei Personen dürfte die Geschwindigkeit so um die 2-3 km/h liegen. Also sollten die Verschlusszeiten so bei 1/2 bis 1/4 sec liegen. Da wird es dann schon in Bezug auf Verwacklungen sehr gefährlich.

Im Beispielbild habe ich mit 17mm Brennweite gearbeitet, wodurch die Verschlusszeit von 1/4 sec in Verbindung mit dem Bildstabilisator noch soeben machbar war. Bei Verwendung einer längeren Brennweite wäre hier schon der Einsatz eines Statives erforderlich gewesen:
Einkaufsstress

Zusammenfassung: Um Bewegungsunschärfe einzufangen, werden längere Verschlusszeiten benötigt. Dabei ergibt sich die Verschlusszeit aus der Geschwindigkeit des Objekts. Die Gefahr einer Verwacklung kann hier schon recht groß sein.

Mitzieher
Bei den sogenannten Mitziehern werden ebenfalls längere Verschlusszeiten benötigt. Hierbei wird die Kamera mit dem bewegten Objekt mitbewegt, also mitgezogen. Dadurch sollte im besten Fall das Objekt scharf abgebildet und der Hintergrund verwischt sein. Die Verschlusszeiten sind denen bei der Bewegungsunschärfe gleich.

Im Beispielbild habe ich mit 1/30 sec gearbeitet:
Mitzieher 8

Zusammenfassung: Um Mitzieher zu gestalten, werden längere Verschlusszeiten benötigt. Dabei ergibt sich die Verschlusszeit aus der Geschwindigkeit des Objekts. Der Ausschuss wird hierbei recht gross ausfallen, da das fokusieren und verbleiben am Objekt einiger Übung bedarf.

Langzeitbelichtungen
Als weiteres Einsatzgebiet mit langen Verschlusszeiten kommen wir dann noch zur Langzeitbelichtung. Diese müssen aber zwangläufig generell mit Stativ gemacht werden. Hier können die Verschlusszeiten schnell in den 2-stelligen Sekundenbereich gehen. Das häufigste Anwendungsgebiet wird hier wohl die Nachtaufnahme sein. Um das Rauschen in den Aufnahmen so gering wie möglich zu halten, sollte man möglichst bei ISO100 bleiben. Gleichzeitig sollte eine gewisse Tiefenschärfe im Foto vorhanden sein, was wiederum eine f/8 oder sogar noch weiter abgeblendet erfordert. Von daher ergeben sich eben zwangsläufig recht lange Verschlusszeiten.

Als Beispielbild habe ich mal eine Aufnahme während der „blauen Stunde“ mit Lichtspuren heraus gesucht. Die Verschlusszeit lag hier bei 8 sec.:
Dem Tag entgegen

Wenn man in so einem Fall die Verschlusszeit noch um einiges verlängert. Sagen wir mal so ungefähr auf 2 Minuten, dann verschwinden die Autos fast gänzlich.

Etwas ähnliches habe ich mal im Kölner Dom versucht. Da sich dort immer grössere Menschenmassen durchs Bild bewegen, habe ich die Kamera aufgestellt und mit 1.6 Sekunde belichtet. Es sind zwar noch Geisterspuren zu erkennen, aber die Möglichkeiten sind erkennbar:
DomInnen

Zusammenfassung: Der Vorteil einer Langzeitbelichtung ist, dass durch die langen Verschlusszeiten ISO100 und kleine Blendenöffnungen verwendet werden können. So hält sich das Rauschen im Rahmen und man erhält eine grössere Tiefenschärfe. Nachteil einer Langzeitbelichtungen ist die Verwendung eines Statives, oder zumindest ein fester Standpunkt für die Kamera.

Gruss Jürgen

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